Report by Helfried Gschwandtner/Klaus Peters
Reprinted with thanks from CALL Austria October 97
Charming Spot: EUROCALL 97 in Dublin Irlandkennern wird die literarische Phrase "charming spot" bekannt vorkommen, nicht nur weil diese auf das Land, sondern vor allem, weil sie auf Dublin zutrifft. Diese Worte sind nicht nur zutreffend, sie bildeten auch die Eröffnung der heurigen EUROCALL. Sie fielen allerdings nicht beim offiziellen Konferenzbeginn, sondern während der Aufführung einer Mini-Fassung von Becketts Waiting for Godot anläßlich des abendlichen Literary Pub Crawls durch Becketts "Wirkungsstätten" in Dublin. Außer Guinness und Paddy hatte die Konferenz natürlich auch noch vieles andere Interessante zu bieten.
Auf keiner der bisherigen EUROCALL Konferenzen (Hull, Karlsruhe, Valencia, Szombathely) war unserer Ansicht nach der Einstieg in die Konferenz und das Kennenlernen der Teilnehmer beziehungsweise das Wiedersehen mit alten Freunden so gemütlich und typisch wie diesmal.
Gleich am ersten Abend nach unserer Ankunft brachen wir zu einem Pub Crawl durch die an Literatur reichen Pubs von Dublin auf. Zwei professionelle Schauspieler, die als Führer fungierten, zitierten dazu die passenden litera-rischen Texte (Beckett, Joyce, Behan) oder spielten Ausschnitte aus einzelnen Stücken wie etwa Waiting for Godot oder das komplette Stück Breath von Samuel Beckett (Dauer 18 Sekunden!). Damit bildete der Vorabend der Konferenz einen idealen Einstieg, denn man benötigte einen langen Atem, um das große Angebot an Vorträgen und Präsentationen verdauen zu können. Where Research and Practice Meet war das Generalthema der heurigen Konferenz, an der fast 350 Delegierte aus fast dreißig Staaten der Welt teilnahmen.
Gleich der erste Plenarvortrag Nina Garretts von der Wesleyan University (USA) konzentrierte sich auf einen wesentlichen Aspekt des Grundthemas, indem sie das Thema ihren Vortrags in die Frage umformulierte: Where Do Research and Practice Meet? Klare Antworten waren natürlich nicht zu erwarten. Bisher hat man TELL und CALL eben als enhanced und assisted verstanden. Für die nächsten Jahre aber sollen, ja müssen wir uns fragen, welche neuen Methoden wir für die geänderte tecnologiegestützte Plattform unseres Sprachunterrichts entwickeln müssen. Es wird notwendig sein, Lernenden beizubringen, jene neuen Werkzeuge und Materialien nicht nur zu nutzen, sondern mit ihnen auch zu lernen. Die Lernformen werden sich dadurch selbstverständlich auch ändern müssen, offenes und fächerübergreifendes Lernen wird genauso wichtig sein wie prozeßorientiertes anstatt produktorientiertem Arbeiten. Bisher schien vor allem an den Sprachinstituten von Universitäten die Analyse von Literatur wichtiger und prestigevoller als Untersuchungen über das Wie des Spracherwerbs. Dies wird sich genauso ändern müssen wie die Lernformen, sonst wird sich die Forschung-Praxis-Schere noch weiter öffnen! Diese Forderung sei vor allem auch unseren Universitätsinstituten ins "Stammbuch" geschrieben", denn die von Nina Garrett geäußerten Ideen scheinen hier noch nicht bekannt zu sein.
Gleich nach diesem Plenarvortrag begann für die Konferenzteilneh-mer die Qual der Wahl, waren doch jeweils sieben parallele Vor-träge angesetzt. Damit die Wahl aber nicht zu schwer fiel, waren die Vorträge thematisch gruppiert (Design Principles, Evaluation, Learning Process, Integration, Web Evaluation, CMC, Distance Learning). Glücklicherweise war diesmal CALL Austria durch zwei Mitglieder vertreten, und so konnten wir uns die Arbeit des geistigen Verdauens ein wenig aufteilen.
Unsere besonderes Interesse galt den Vorträgen über das Internet, ist dies doch auch bei uns allmählich ein Sorgenkind der Didaktik, da noch keine gültigen Konzepte für den sinnvollen Einsatz dieses Hilfsmittels gefunden sind. Natür-lich gab es auch auf dieser Konfe-renz keine Patentlösungen, aber zumindest einige interessante An-sätze. So stellte etwa Joan-Tomàs Pujolà ein Konzept der Evaluation von Sprach-Web-Sites vor, die er mit seinen Studenten an der Universität von Edinburgh erarbeitet hat. Auch dieser Vortrag machte klar, daß die sich rasch ändernden Inhalte und häufige Serverwechsel ein gültiges Qualitätsurteil oft erschweren.
Uschi Felix von der Monash Uni-versity Australien sprach unter dem Titel Virtual language lear-ning a contradiction in terms? über die Möglichkeit, das WWW als multimediale Sprachlernumge-bung zu nutzen; die theoretischen Ausführungen wurden dabei durch interessante praktische Beispiele eines kompletten Sprachkurses für Vietnamesisch (in Lautung und Schrift nicht gerade einfach!), der seit 1997 von der Monash Univer-sität angeboten wird, erläutert.
Maija Tammelin von der Helsinki School of Economics stellte ein umfassendes Fernlernsystem vor, das Videokonferenzen, e-mail und die Nutzung der Möglichkeiten des WWW einschließt. Absicht dieses seit 1996 laufenden Projekts ist es, die Effizienz dieser multimedialen Lernumgebung zu testen und die Kommunikation zwischen örtlich getrennten Kursteilnehmern zu ermöglichen und zu fördern. Bleibt zu erwähnen, daß ein solches Projekt im Moment noch einige Kosten verursacht.
Die Grundfragen und Probleme der Nutzung des Internets beim Spracherwerb und die Möglichkeiten des Fernlernens wurden sehr gut im Plenarvortrag von Prof. Chris Curran vom National Distance Education Centre der Dublin City University zusammengefaßt. Es war interessant zu erfahren, daß es weltweit bereits ein ganzes Netz von Universitäten gibt, die sich der Möglichkeiten von Telekonferenzen, Satelliten-Netzwerken und Virtueller Universitätsinstitute bedienen, alles Begriffe, die man an universitären Sprachinstituten in Österreich wohl nicht einmal dem Namen nach kennt. Curran erwähnte nicht nur die Geschichte der Open University in Großbritannien, sondern wies auch auf die stürmische Entwicklung der letzten Jahre hin: immerhin kann man schon heute über Fernstudienlehrgänge 13 verschiedene Master Degrees erwerben. Die Ausführungen gingen aber nicht nur auf die wunderbare Idee der Überbrückung von Zeit und Ort durch diese universitären Systeme ein, sondern es wurde auch auf die notwendige technische Grundausrüstung und die damit verbundenen Kosten hingewiesen, nicht zu reden von den sozialen Komponenten, der Gefahr der Vereinsamung, dem Problem der Demokratisierung gegenüber dem Prinzip der Elitenbildung, vor allem wenn man an die sogenannte 3. und 4. Welt denkt. Es muß aber auch erwähnt werden, daß dieses Lehr- und Lernsystem geistige Globalisierung der Förderung einer nationalen Kultur entgegenstellt.
Noch konkreter hat das Problem des technologie-gestützten Lernens Joseph Rézeau in seinem Vortrag The Learner, the Teacher and the Machine: Golden Triangle or Bermuda Triangle? auf humorvolle Art, und stark an der Praxis orientiert, zusammengefaßt. Rézeau berief sich dabei auf Tonbandprotokolle, die er bei Kunststudenten, die einen multimedialen Englischkurs besuchten, anfertigte. Die drei Grundfragen, die er sich dabei stellte, waren:
Die Ausführungen schienen uns so interessant, daß wir uns um die Publikationsrechte des gesamten Vortrags für unser Fachblatt be-mühen werden.
Am Trinity College Dublin wurde versucht, das Dilemma Mensch-Maschine unter Einbeziehung der Möglichkeiten von e-mail durch ein sogenanntes Tandem-System zu lösen, das von David Little vorgestellt wurde. Prinzipiell geht es dabei darum, daß zwei Lernende unterschiedlicher Muttersprache zu einer Lern- und Lehreinheit zusammengespannt werden. Kommunikationsmittel ist dabei e-mail. Strukturen für dieses Lernsystem, das 1996 begonnen wurde, müssen erst entwickelt werden. Erste Beobachtungen während der Einführungsphase lassen aber positive und motivierende Lernergebnisse erwarten.
Natürlich gab es auch eine ganze Reihe interessanter Sprachlernsoftware, die zum Teil einfach nur vorgestellt oder aber wie im Fall von MultiConcord im konkreten Kontext von linguistischen Lehr- und Lernzielen erklärt wurde.
In seinem Vortrag The teacher and the computer complementary agents in the fight against lingui-stic ignorance stellte Paul Hickman eine ganze Produktreihe von Software zur Verbesserung der Sprachkompetenz vor. Es handelt sich dabei um die von Hodden&Stoughton vertriebenen Softwarepakete Encounters, GramEx und die ÜbersetzungsTools Transit-Tiger. Die Software gibt es für die an unseren Schulen unterrichteten Zielsprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Vielleicht gelingt es uns einmal, den Autor selbst zu einer Vorstellung der Produkte zu gewinnen. Grundgedanke der Ausführungen war, daß bei einem sinnvollen und bewußten Spracherwerb die Technologie immer in dienender, das heißt sinnvoll ergänzender Form eingesetzt werden muß. Der Computer kann den Lehrer bestenfalls ergänzen, nie aber ersetzen. Ein Credo, das wir von CALL Austria schon lange predigen und das in der Zwischenzeit wohl auch in Österreich zum anerkannten methodisch-didaktischen Prinzip geworden ist.
Eine Klasse für sich waren die Ausführungen von Tim Johns und Francine Roussel unter dem Titel "Parallel Concordancing for Language Learning". Grundlage der Ausführungen mit überzeugenden praktischen Beispielen bildete das neue Konkordanzprogramm Multi-Concord. Auch so erfolgreiche Produkte wie das in dieser Nummer besprochene Cobuild Dictionary on CD-ROM geht auf Konkordanzarbeit zurück. Das System der mehrsprachigen Parallelkokondanz bietet weitere, ja, man kann sagen bisher ungeahnte Möglichkeiten der Sprachanalyse und Bewußtmachung.
Nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen Ländern Europas bedienten sich bisher Lehrer verstärkt der Möglichkeiten von Konkordanzarbeit, und sie bedienten sich dabei gängiger Konkordanz-Software. Wollte man Texte der Zielsprache mit solchen in der Muttersprache vergleichen, so ergab sich daraus immer die Notwendigkeit, diese Texte selbst zu übersetzen oder entsprechende Paralleltexte, das heißt Übersetzungen, zu suchen, um sinnvolle und authentische Sprachvergleiche durchführen zu können. Diese Notwendigkeit war die Geburtsstunde des neuen MultiConcord, das mehrere Sprachen gleichzeitig in Konkordanzen verarbeiten und vergleichen kann. Da das Pro-gramm mit EU-Mitteln aus der Lingua/Socrates-Schiene entwik-kelt wurde, wird eine große Palette von Sprachen (Dänisch, Griechisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Schwedisch, Spanisch und Portugiesisch) be-rücksichtigt.
Wir werden uns in einer unserer kommenden Ausgaben sicher der Beschreibung und Evaluation dieses interessanten Softwareprodukts widmen. Interessenten wenden sich bitte an David Woolls BA, 12 St. Pauls Square Birmingham B3 1RB, England. Um sich näher über letzte Entwicklungen auf dem Sektor der Konkordanzen zu informieren, rufen Sie am besten die Tim Johns Homepage auf.
Interessant auch die Entwicklungs-arbeit, die bei Wida-Software von Tony Williams und seinem Team in den letzten Jahren geleistet wurde: das Ergebnis ist die neue Wida-Software Authoring Suite, die nunmehr für alle bisher be-kannten Produkte wie Gapmaster, Choicemaster etc. in einer Windows-Version vorliegt. Wir werden darüber noch näher berichten.
Der letzte Vormittag der Konferenz war als sogenannter Seminarbetrieb organisiert. Dabei konnten die Teilnehmer ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten einbringen. Wir besuchten die Veranstaltung Integrating CALL in the English Curriculum und konnten beruhigt feststellen, daß wir keine neuen Ansichten hörten, das heißt, die Art und Weise, wie CALL bei uns eingesetzt wird, entspricht durchaus dem internationalen universitären Standard. Ja, es wurde sogar klar, daß wir in manchen Bereichen voran liegen (bei Mul-timedia-Tools wie etwa dem von CALL Austria herausgegebenen CNN Newsroom, bei der praktischen Umsetzung von computergestützter Sprachanalyse wie im Fall der Wortschatzreihe LATEINaktiv! und des Lehrbuchs LUDUS oder einfach bei der Erar-beitung von computergestütztem Lern- und Übungsmaterial zu vorhandenen Lehrbüchern wie im Fall von You and Me, Liber Lati-nus und Austria Romana).
Was den Inhalt der Plenarsitzun-gen, Vorträge und Präsentationen betrifft, so ist von Leuven im nächsten Jahr (912. September 1998) sicher ähnliche Qualität zu erwarten. Um jedoch an den hohen Anspruch des sozialen und gesellschaftlichen Teils dieser gelungenen Konferenz in Dublin heranzukommen (der erwähnte Literary Pub Crawl, ein Empfang beim Unterrichtsminister im Schloß von Dublin, ein Festbankett im Royal Hospital Kilmainham sowie, last but not least, die Freundlichkeit, Offenheit und der Humor der Iren, egal, ob es der Herr Minister, die Schauspieler oder das Bedienungspersonal waren), werden sich die belgischen Organisatoren wohl sehr anstrengen müssen. Auf jeden Fall wäre es schön, wenn Österreich in Leuven auch durch einen Teilnehmer aus dem universitären Bereich vertreten wäre.